{"id":5806,"date":"2022-06-05T12:53:12","date_gmt":"2022-06-05T10:53:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=5806"},"modified":"2022-06-05T14:08:32","modified_gmt":"2022-06-05T12:08:32","slug":"im-palmbaum-erschien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=5806","title":{"rendered":"Im &#8222;Palmbaum&#8220; erschien"},"content":{"rendered":"<p>eine au\u00dferordentlich freundliche Rezension unseres Bandes &#8222;Eiapopeia im Prenzlberg&#8220;. Und wer am 24. September in der N\u00e4he von Erfurt weilt, kann dort die Autorin mit einer Lesung erleben: im Haus Dachb\u00f6den im Rahmen der &#8222;Herbstlese&#8220;.<\/p>\n<p>Hier die Rezension von Christoph Schmitz-Scholemann in einer gek\u00fcrzten Fassung:<\/p>\n<p>MIT SOG-POTENTIAL<\/p>\n<p>Das Buch hat Sog-Potential, es kann s\u00fcchtig machen, denn es ist durchkomponiert und die einzelnen Geschichten sind es auch. Der Band versammelt 21 Erz\u00e4hlungen der Weimarer Schriftstellerin Anke Engelmann. Ein sch\u00f6nes Buch mit einem von Roland Berger geschaffenen Linolschnitt auf dem Schutzumschlag, gedruckt in 333 nummerierten Exemplaren. Schon \u00e4u\u00dferlich etwas f\u00fcr wahre B\u00fccherfreunde.<\/p>\n<p>Die Geschichten handeln von Menschen, liebenden und geliebten, alten und jungen, verzweifelten und gelassenen, traurigen und kranken. Jede der auftretenden Personen wird kenntlich durch die spezielle Lebenslage, in der wir sie antreffen, ob im Auto, bei der Arbeit oder beim Tanzen. Da ist eine Frau, der ein Bein amputiert wird und die dann mithilfe eines Pflegers doch den Walzer zur\u00fcck ins Leben wagt <i>(Prinzessin auf der Erbse)<\/i>. Da ist ein M\u00e4dchen, das von seinen Eltern zum Sonntagsspaziergang gezwungen wird (<i>Eins, zwei, drei, vier Eckstein). <\/i>Oder die Frau, die im Schlafsaal einer DDR-Wochenkrippe putzt und dabei \u2013 entgegen der Anweisung \u2013 weinende Kinder tr\u00f6stet <i>(Frau Woche<\/i>). Die weibliche Perspektive ist vorherrschend, ohne dass man sich als m\u00e4nnlicher Leser ausgeschlossen f\u00fchlt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Geschichten haben alle einen konkreten zeitlich und r\u00e4umlich eingegrenzten Ort. Es sind keine Begebenheiten, die sich \u00fcberall zutragen k\u00f6nnten. Die Au\u00dfenwelt taucht nicht als Metaphernarrangement auf, es geht sehr konkret zu, es sind realistisch erz\u00e4hlte Geschichten. Das hei\u00dft auch: Es ist nicht immer sch\u00f6n da, wo diese Kurzgeschichten spielen. Die Dingwelt ist widerst\u00e4ndig: Sei es in Gestalt eines Handys, der Elektros\u00e4ge eines Chirurgen, einer Raucherecke oder eines Druckluftnaglers. Die Orte der Handlungen sind auch politisch bestimmt: Wir befinden uns in Ostdeutschland, teils zu DDR-Zeiten, teils danach. Viele der Personen, von denen das Buch erz\u00e4hlt, sind in irgendeiner Weise von den Wirkungen des DDR-Systems gezeichnet. Zum Beispiel zwei Kinder im Jahre 1970, deren Mutter \u201ezur Kl\u00e4rung eines Sachverhalts\u201c abgeholt wird <i>(Du musst jetzt mal tot sein<\/i>). Die Arbeit eines jungen Menschen im M\u00f6belkombinat <i>(Tom Waits wohnt nicht am Bitterfelder Weg<\/i>). In Anke Engelmanns Geschichten \u2013 wie in der Wirklichkeit \u2013 ist die DDR nach der \u201eWende\u201c keineswegs verschwunden. Wohl hat sie als Staat aufgeh\u00f6rt zu existieren. Aber das, was an ihr pr\u00e4gend war, wirkt weiter. Manchmal im Allt\u00e4glichen, wenn um die Weihnachtszeit 30 Jahre altes Lametta in einem Schuhkarton auftaucht (<i>Schneealarm)<\/i>. Manchmal auch im Politischen: Da tritt ein ehemaliger NVA-Offizier auf, der in der Jetztzeit in die rechtsradikale Szene gewechselt ist (<i>Schenzels Schatten)<\/i>, vielleicht nur als V-Mann?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Anke Engelmann erz\u00e4hlt die N\u00f6te und Freuden, Erlebnisse und Sehns\u00fcchte ihrer Protagonisten \u201evon innen\u201c. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Abdr\u00fccken, die das Geschehen im Gef\u00fchlsleben der Menschen hinterl\u00e4sst: Verwirrung, Entsetzen, Schrecken, Schuldgef\u00fchle, Zauber, Belustigung, Stolz \u2013 also alle m\u00f6glichen Gef\u00fchle, manchmal aber auch nur Sprachlosigkeit: So wenn vom gewaltsamen Tod einer Katze die Rede ist (<i>Die Katze<\/i>) oder von der gr\u00e4sslichen Entdeckung, dass ein naher Mensch offenbar einsam und verzweifelt gestorben ist und sein verwester Leichnam erst lange Zeit sp\u00e4ter gefunden wurde (<i>Drei Assipunkte)<\/i>.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es sind beileibe nicht nur die negativ besetzten Gef\u00fchlslagen, die in knappen S\u00e4tzen, manchmal bis zur Atemlosigkeit verdichtet, zur Sprache kommen. Im Gegenteil: eine Art zugleich abgekl\u00e4rten, romantischen und doch so liebensw\u00fcrdig unbeholfenen jugendlichen \u00dcbermuts, eine allenfalls leicht melancholisch gef\u00e4rbte Lebens- und Liebesneugier, gibt den Ton an. Und in <i>Geschraubt, nicht genagelt<\/i> lernen wir ein hochvergn\u00fcgtes Paar kennen, das sich in der Zeit vor dem Mauerfall auf raffinierte Weise ein ganz sch\u00f6n unterhaltsames Leben zu machen versteht: Margot und Andy berichten in anziehend schnoddrigem Tonfall von ihrer einerseits klandestinen, andererseits ziemlich freien Unternehmerschaft: einer Immobilien-Renovierung f\u00fcr Angeh\u00f6rige der DDR-Oberschicht in Schwarzarbeit.<\/p>\n<p>Kurz: ein abwechslungsreiches und zugleich anspruchsvolles St\u00fcck Literatur. Anke Engelmann erweist sich als eine Virtuosin im Genre der Kurzgeschichte. Mit scheinbar leichter Hand und wenigen Worten evoziert sie Bilder und Stimmungen und portr\u00e4tiert Personen. Das Wichtigste an diesem Buch ist f\u00fcr mich aber das Vergn\u00fcgen zu sehen, was gute Literatur kann: sie \u00f6ffnet jenen geistig-emotionalen Raum des Menschlichen, den man in keinem Kino und auf keinem Bild der Welt zeigen, den Musik nicht erklingen lassen und Wissenschaft nicht in Zahlen und Begriffen wiedergeben kann, einen Raum, der zwischen Denken und F\u00fchlen liegt, zwischen Bild und Tonfall, zwischen Wort und Ruf und den wir Menschen als einzige Lebewesen bewohnen k\u00f6nnen \u2013 der genuine Raum der Literatur.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Anke Engelmann sagt das in der letzten Geschichte ihres Buchs (<i>Der B\u00fccherfresser<\/i>) viel sch\u00f6ner: \u201eDann \u00f6ffnet man ein Buch und Worte fallen heraus, beschw\u00f6ren Landschaften, Menschen, Erinnerungen. Das tr\u00e4gt einen wie ein Traum \u2026\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eine au\u00dferordentlich freundliche Rezension unseres Bandes &#8222;Eiapopeia im Prenzlberg&#8220;. Und wer am 24. September in der N\u00e4he von Erfurt weilt, kann dort die Autorin mit einer Lesung erleben: im Haus Dachb\u00f6den im Rahmen der &#8222;Herbstlese&#8220;. 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