{"id":6146,"date":"2023-11-22T22:26:42","date_gmt":"2023-11-22T20:26:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=6146"},"modified":"2023-11-22T22:26:42","modified_gmt":"2023-11-22T20:26:42","slug":"schwarzdruckers-rede-zur-eroeffnung-von-dada-ruht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=6146","title":{"rendered":"Schwarzdruckers Rede zur Er\u00f6ffnung von &#8222;DADA ruht nicht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihr Erscheinen und Ihr Interesse.<\/p>\n<p>Als der urspr\u00fcngliche Initiator dieser Ausstellung m\u00f6chte ich mich zuerst beim Museum \u2013 vor allem Frau Kremeier und Frau Rolf \u2013 ganz herzlich daf\u00fcr bedanken, dass diese zumindest in meinen Augen interessanten, sch\u00f6nen und vielseitigen Arbeiten hier ausgestellt werden. Es kommt nicht allzu h\u00e4ufig vor, das Handpressendrucke \u2013 und die meisten Arbeiten hier sind ebensolche \u2013 so repr\u00e4sentativ ausgestellt werden.<\/p>\n<p>Der gemeine Handpressendrucker an sich ist geschlechter- und l\u00e4nder\u00fcbergreifend ausstellungstechnisch meist in einer schwierigen Lage: F\u00fcr viele ist er kein richtiger K\u00fcnstler, weil er oft &#8222;nur&#8220; mit Schrift oder weitgehend abstrakten Formen arbeitet. Er ist aber auch kein Gebrauchsgrafiker bzw. neudeutsch Grafikdesigner, weil er in der Regel ohne praktischen Anlass und meist ohne externen Auftraggeber einfach etwas druckt, was vordergr\u00fcndig keinen praktischen Sinn hat. Bis auf ein paar exotische Ausnahmen arbeiten Handpressendrucker also weder f\u00fcr den kommerziellen Kunstmarkt noch f\u00fcr den richtigen Markt, sondern meist und vor allem f\u00fcrs eigene Vergn\u00fcgen. Solch Verr\u00fcckte gibt es erstaunlicherweise noch immer \u00fcberall auf der Welt, auch wenn sie zu einer immer kleineren Population von J\u00fcngern aussterbender Drucktechnologien schrumpfen. Manchmal drucken sie sogar ganze B\u00fccher, h\u00e4ufiger aber dann doch die weniger aufwendigen Einblattdrucke. Dass wir keine osteurop\u00e4ischen, australischen oder s\u00fcdamerikanischen Arbeiten sehen, liegt an der 2016 noch im Vergleich zu heute rudiment\u00e4ren Vernetzung der Szene. Wenn man heute zu einer derartigen Ausstellung aufrufen w\u00fcrde, w\u00e4ren mit Sicherheit auch Kollegen aus Tallinn, Moskau, Rio, Tokyo oder Sydney dabei. Weil das Thema DADA f\u00fcr viele Kollegen weltweit ein besonders reizvolles ist in seiner Verbindung aus Inhalt, Typografie und Poesie.<\/p>\n<p>Ich sollte hier zur Technik dieser Drucke reden und fasse deshalb nun \u00fcber zweitausend Jahre Druckgeschichte in ein paar S\u00e4tzen zusammen:<\/p>\n<p>Handpressendrucke sind zun\u00e4chst einmal Drucke, die auf einer Handpresse gedruckt werden. Das klingt eindeutig, ist es aber nat\u00fcrlich nicht. Es gibt Handpressen-Ger\u00e4te (ganz ohne Motoren) bzw. Handpressen-Maschinen (mit Motor)\u00a0f\u00fcr alle vier klassische Druckverfahren \u2013 den Hochdruck, den Tiefdruck, den Flachdruck und den Durchdruck. Und zumindest bei einigen dieser Maschinen, die ja ihrem Namen nach eigentlich von Hand bedient werden sollten, ist die Grenze zum Maschinendruck relativ flie\u00dfend oder unscharf. Weil bestimmte Abl\u00e4ufe an diesen Maschinen so mechanisiert wurden, dass sie mit Motoren ausgef\u00fchrt werden. Was dann wiederum die angeblich druckende Hand oft auf den Finger reduziert, der nur einen elektrischen Schalter dr\u00fcckt. Weitgehend \u2013 wenn auch wiederum nicht durchgehend \u2013 gemeinsam ist den &#8222;Handpressendrucken&#8220;, dass das zu bedruckende Papier h\u00e4ndisch und somit einzeln der Druck-Maschine zugef\u00fchrt wird. Was in der Regel zu relativ kleinen Druckauflagen f\u00fchrt. Handpressendrucke sind also meist schwer zu definierende Drucke in eher kleinen Auflagen gedruckt auf Maschinen, \u00fcber die sich das Publikum nicht unbedingt Gedanken machen sollte, solange sich nicht einmal die Experten wirklich einig sind. Im Holl\u00e4ndischen hei\u00dfen diese Drucke viel zutreffender \u201eSeltsame Drucke\u201c.<\/p>\n<p>Wir haben es in dieser Ausstellung neben einigen Collagen, einer Serie von Siebdrucken und einer Serie von Offsetdrucken ganz \u00fcberwiegend mit Hochdrucken zu tun. Das hat ganz sicher etwas damit zu tun, dass die Verwendung von mindestens einem Buchstaben Teilnahmebedingung war. Das hatten wir zum Einen gemacht, um nicht mit rein bildnerischen Exponaten zugesch\u00fcttet zu werden und zum anderen, weil ich mit dieser Ausstellung nat\u00fcrlich etwas f\u00fcr meine \u201eHandpressen-Community\u201c tun wollte. Und nat\u00fcrlich selbst sehr gespannt war, was dabei herauskommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Hochdruck ist die \u00e4lteste Drucktechnik der Menschheit und ganz einfach zu begreifen: erhabene Fl\u00e4chen einer Druckform werden eingef\u00e4rbt, tiefer liegende Fl\u00e4chen bekommen keine Farbe ab und das ganze wird auf Papier gepresst. Jeder kennt das vom Stempel, von Kartoffeldrucken im Kindergarten oder Linolschnitten im Kunstunterricht.<br \/>\nDas haben nat\u00fcrlich die alten Chinesen oder m\u00f6glicherweise auch noch \u00e4ltere Koreaner erfunden. Und als man dann auch noch die Schrift bzw. verschiedene Schriften erfunden hatte, war der Hochdruck nat\u00fcrlich das Verfahren zur Vervielf\u00e4ltigung \u2013 es gab die anderen Drucktechnologien einfach noch nicht. Zun\u00e4chst wurden Texte in Druckplatten geritzt bzw. geschnitten und irgendwann kamen heute unbekannte Genies \u2013 nat\u00fcrlich auch in Asien \u2013 auf die Idee, Buchstaben bzw. Schriftzeichen einzeln herzustellen und beliebig und mehrfach zu kombinieren und somit f\u00fcr verschiedene Drucke zu benutzen. Das nennen wir heute den Druck von der beweglichen Letter.<br \/>\nDer Mann des letzten Jahrtausends, auf den wir als Landsleute so stolz sein d\u00fcrfen, hat also weder den Buchdruck noch den Satz mit beweglichen Lettern erfunden. Sondern exakt genommen eigentlich nur den Druck von beweglichen aus Metall gegossenen Lettern mit lateinischen Buchstaben und einige der dazu n\u00f6tigen Werkzeuge.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das mag jetzt den einen oder anderen von Ihnen entt\u00e4uschen, aber schm\u00e4lert Gutenbergs welthistorische Leistung keineswegs, denn die damit verbundene Wirkung auf praktisch alle Gebiete der Zivilisation war nat\u00fcrlich schlichtweg gewaltig.<br \/>\nDiese Revolution der pl\u00f6tzlich massenhaften B\u00fccherproduktion f\u00fchrte unter anderem dazu, dass der Hochdruck seit 500 Jahren auch landl\u00e4ufig und technisch weniger exakt &#8222;Buchdruck&#8220; genannt wurde. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wurden die allermeisten B\u00fccher von Bleilettern auf Hochdruckmaschinen gedruckt. Trotz aller mittlerweile erfundenen anderen Druckverfahren ist der Buchdruck noch immer gewisserma\u00dfen der direkteste Weg vom Buchstaben aufs Papier: Die Blei- und Holzlettern waren ja daf\u00fcr gemacht, direkt aufs Papier gedruckt zu werden. W\u00e4hrend es f\u00fcr alle anderen Druckverfahren zumindest bis in die 60er Jahre nicht wirklich entsprechende Satzverfahren gab. Es gibt keine Lettern f\u00fcr den Tiefdruck, den Offsetdruck, den Steindruck etc. die direkt verwendet werden k\u00f6nnten. Erst mit der Erfindung der Computer-to-plate Technik f\u00fcr Offsetdruck und der Erfindung des Digitaldrucks in den 90er Jahren gibt es einen direkten Weg vom Computer aufs Papier ohne irgendwelche komplizierten Umwege.<\/p>\n<p>Und diese im Grunde einmalige Verbindung oder N\u00e4he von Typografie \u2013 also Buchstaben als Druckformen \u2013 zum eigentlichen Druck auf ein sehr weites Spektrum von bedruckbaren Materialien macht eben f\u00fcr den typografisch arbeitenden Pressendrucker den Reiz aus, der alten Technik des Hoch- bzw. Buchdruckes zu fr\u00f6nen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Eine weitere sch\u00f6ne Eigenart: man kann jeden Buchstaben und sogar jeden Leerraum anfassen. Was kreative Momente erm\u00f6glicht, die man woanders gar nicht haben kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ein anderer Reiz des Setzens mit Lettern ist seine Begrenztheit. Anders als am Computer, mit dem man ja heutzutage meistens Drucksachen und Typografie gestaltet, kann man im analogen Satz mit richtigen Lettern viele Dinge nicht. Man kann nur Buchstaben drucken, die man hat \u2026 und irgendwann fehlt halt irgendein Buchstabe. Man kann keine Gr\u00f6\u00dfen ver\u00e4ndern, Buchstaben verzerren, aufblasen, konturieren, keine Raster unterlegen und selbst Kreissatz oder Zeilen in Wellenform zu setzen ist nicht einfach und nie so elegant wie am Computer. Man muss also aus dem oft Wenigen, was man hat, trotzdem etwas machen. Und eben das befl\u00fcgelt im g\u00fcnstigen Fall die Kreativit\u00e4t. Sie k\u00f6nnen in dieser Ausstellung etliche g\u00fcnstige F\u00e4lle davon entdecken.<\/p>\n<p>Auf eine kleine Besonderheit m\u00f6chte ich Sie noch aufmerksam machen. Es gibt nat\u00fcrlich unter den Pressendruckern verschiedene Generationen, die aber nicht unbedingt ans biologische Alter der Kollegen gebunden sind. Es sind Leute dabei, die sind Profis, weil sie mit dem Handwerk aufgewachsen sind und das richtig gelernt haben. Das sind oftmals die, die eine gewisse handwerkliche Perfektion so verinnerlicht haben, dass sie trotz m\u00f6glicherweise experimenteller Gestaltung Wert darauf legen, dass jeder Buchstabe perfekt ausgedruckt ist. Das macht gerade bei alten abgenutzten Schriften eine Menge Arbeit, erfordert Geduld und Geschick.<br \/>\nEs sind aber auch eine ganze Menge Drucker dabei, die den Buchdruck nicht klassisch gelernt haben, beruflich mit dem Computer gro\u00df geworden sind und jetzt unter der Bezeichnung \u201eLetterpress\u201c arbeiten. &#8222;Letterpress&#8220; ist eigentlich nur das englische Wort f\u00fcr Hoch- bzw. Buchdruck. F\u00fcr deutschsprachige, klassisch ausgebildete Drucker ist es aber zum Synonym f\u00fcr in diesem Sinn handwerklich &#8222;schlechten&#8220; Druck mit zuviel Druck oder zuwenig Farbe oder dadurch \u201eschlecht\u201c ausgedruckten Buchstaben. F\u00fcr die Drucker der sozusagen j\u00fcngeren Generation ist aber genau diese Unvollkommenheit einer der Reize, Hochdruck von der Letter zu betreiben. Weil eben diese Unvollkommenheit einen \u00e4sthetischen Reiz hat oder eine gestalterische Funktion erf\u00fcllt, die am Computer nicht oder nur mit unvern\u00fcnftigen Aufwand hinzubekommen ist.<br \/>\nKurioserweise wissen eben Drucker dieser beiden Generationen kaum etwas voneinander und kennen die jeweils anderen und ihre Arbeiten kaum. Nach meiner Vermutung liegt das daran, dass die \u00e4ltere Generation aus papiernen B\u00fcchern lernt und voneinander wei\u00df, wohingegen die j\u00fcngere Generation meist fast nur \u00fcbers Internet kommuniziert. Sie leben oft in jeweils ihrer Welt. In dieser Ausstellung haben sie sich getroffen und kennengelernt. Was f\u00fcr alle eine Erweiterung des Horizontes war. Ein sch\u00f6ner weiterer Sinn dieser Ausstellung &#8230;<\/p>\n<p>Ich bedanke mich f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit, hoffe mich einigerma\u00dfen verst\u00e4ndlich ausgedr\u00fcckt zu haben und w\u00fcnsche Ihnen genauso viel Vergn\u00fcgen wie es die Kollegen mit diesem Projekt hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, Vielen Dank f\u00fcr Ihr Erscheinen und Ihr Interesse. Als der urspr\u00fcngliche Initiator dieser Ausstellung m\u00f6chte ich mich zuerst beim Museum \u2013 vor allem Frau Kremeier und Frau Rolf \u2013 ganz herzlich daf\u00fcr bedanken, dass diese zumindest in meinen Augen interessanten, sch\u00f6nen und vielseitigen Arbeiten hier ausgestellt werden. 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