{"id":5165,"date":"2020-05-13T16:50:14","date_gmt":"2020-05-13T14:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=5165"},"modified":"2020-05-13T16:50:14","modified_gmt":"2020-05-13T14:50:14","slug":"gleich-zwei-rezensionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=5165","title":{"rendered":"Gleich zwei Rezensionen"},"content":{"rendered":"<p>zu diesem wunderbaren Buch sind zu vermelden und werden den Absatz ins Unermessliche steigern. Die eine erscheint demn\u00e4chst in der &#8222;uz&#8220; (&#8222;unsere zeit, sozialistische Wochenzeitung&#8220;) und die andere (ist wohl schon?) im &#8222;Ossietzky&#8220;. Wir bringen heute hier erstmal die l\u00e4ngere und bedanken uns sehr herzlich daf\u00fcr:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>Die Hoffnung hilft t\u00e4tigen Menschen<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nachtr\u00e4glicher Gl\u00fcckwunsch zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Bernd Schirmer<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bernd Schirmers Roman <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Silberblick<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (2017) geh\u00f6rt zu den gelungenen und bleibenden Werken \u00fcber die Geschichte der DDR und die deutsche Entwicklung um 1989. In ihm handeln Menschen, die sich ihr Leben in der DDR nach ihren W\u00fcnschen und M\u00f6glichkeiten, nach ihren Vorstellungen und Voraussetzungen einzurichten versucht hatten, Schwierigkeiten und Erfolge hatten: An dieses Leben sollte nach 1989 nichts mehr erinnern. Sogar B\u00fccher wurden vernichtet, bei denen \u201eallein schon der Erscheinungsort ein Makel\u201c war. Vernichtung und Verdr\u00e4ngung standen einer omin\u00f6sen \u201eFreiheit\u201c gegen\u00fcber, die alles und nichts umfasst, vor allem nicht die wirkliche Freiheit, die das eigene Verhalten zum gesellschaftlichen Ma\u00df macht. &#8211; Warum an den Roman erinnert wird? Bernd Schirmer hat seinen Lesern zu seinem 80., Geburtstag eine \u00dcberraschung bereitet: Erz\u00e4hlungen, die verstreut in Anthologien erschienen sind, wurden unter dem Titel <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Das leise Ticken der Sonnenuhr. Geschichten aus verflossener Zeit<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> ver\u00f6ffentlicht. Der Band ist im Verlag Edition Schwarzdruck (Gransee) erschienen, der sich nicht nur um Schirmers Werk verdient gemacht hat \u2013 der neue Band ist das f\u00fcnfte Buch Schirmers in dem Verlag -, sondern neben seinem vielf\u00e4ltigen Programm, das Grafik und anderes einschlie\u00dft, auch ein Hort linken Denkens ist: Der Verlag sollte interessierten Lesern viel bekannter werden, bei ihm erschienen namhafte Autoren von Friedrich Wolf bis zu dem j\u00fcdischen Kommunisten Arthur West aus Wien, klangvolle Namen der DDR-Literaturwissenschaft wie Dieter Schiller, Ulrich Dietzel und Horst Haase ver\u00f6ffentlichten <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Erinnerungen, Gelesenes, Geschriebenes<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> usw., unverzichtbare Zeugnisse zum Verst\u00e4ndnis von Literatur.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bernd Schirmers Erz\u00e4hlungen tangieren die Themen Freiheit, Arbeit und Hoffnung. Das hat der Autor in der Phase seines Schaffens bis 1989 gelernt und auch, dass es M\u00fchen macht, das Angestrebte zu erreichen. Diese erste Phase wurde von einer zweiten abgel\u00f6st: Nach 1989 war er Autor von 70 Folgen der ZDF- Serie <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Der Landarzt<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">; damit konnte man als Autor leben, befriedigend war es f\u00fcr den \u00e4sthetisch anspruchsvollen Autor nicht. In den Hintergrund trat, dass er unabh\u00e4ngig von der Serie als Autor wirksam und erfolgreich war. \u2013 Seine von ihm zu seinem 80. Geburtstag ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlungen sind typisch und, deshalb der Hinweis auf den Roman, sie erscheinen wie Vorarbeiten zu ihm. Selbst die schicksalhafte Konstellation \u2013 die Variante eines Lebens zu dritt \u2013 findet sich. Im Nebeneinander von Erz\u00e4hlungen und Roman wird Grunds\u00e4tzliches des Schaffens Bernd Schirmers deutlich. Der Titel <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Das leise Ticken der Sonnenuhr<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> ist typisch: Die Themen sind still und unaufdringlich, ein \u201eleises Ticken\u201c, sie spielen in einer Grauzone zwischen Wirklichkeit und M\u00e4rchen, denn welche Sonnenuhr tickt schon. Man nimmt diese \u00dcberschreitungen als selbstverst\u00e4ndlich an; sie geh\u00f6ren zur Wirklichkeit Schirmers und sind die poetischen Umsetzungen von Freiheit und Hoffnung; sie machen eine Eigenart Bernd Schirmers aus. Die Titelerz\u00e4hlung wird er\u00f6ffnet mit \u201ewahrscheinlich\u201c, nicht nur ein Wort f\u00fcr den Autor, sondern eine Metapher. Die wird zus\u00e4tzlich gepr\u00e4gt durch seine Ironie, die selbst bei zerst\u00f6rerischen Vorg\u00e4ngen versucht, die Verluste begreifbar und ertr\u00e4glich zu halten, aber auch zur Satire werden kann. Es ist ein typisches Gestaltungsmittel Schirmers. Schlie\u00dflich findet sich in Erz\u00e4hlungen und im Roman der Autor selbst; der autobiografische Anteil ist hoch, er wird zum historischen Bezugsfeld f\u00fcr Anspruch und Erf\u00fcllung, Korrekturen und Entt\u00e4uschungen, zusammengefasst im Begriff eines \u201esinnvollen Lebens\u201c. &#8211; Es beginnt in der Nachkriegszeit: Im <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Leisen Ticken der Sonnenuhr <\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> wohnt das Kriegskind mit seiner Mutter im Wirtshaus; es sind vom Krieg in die Flucht Getriebene, der Vater ist verschollen. Verschlagen wurden sie ins Erzgebirge, in eine Wismut-Gegend. Dort versucht das Kriegskind sich in der neuen Welt zurechtzufinden, indem es die unbekannten Begrifflichkeit annimmt. Verantwortlich ist das Kind auch daf\u00fcr, Frau Gyftel, die Eule, vom Bahnhof abzuholen: Sie kommt einmal w\u00f6chentlich ins Dorf, um den Bergleuten ihre Schwarz-Wei\u00df-Fotos zu kolorieren, ein poetisches Moment. Die Welt wird f\u00fcr die Erinnerung versch\u00f6nt. Das Kriegskind bew\u00e4hrt sich dabei als erfolgreicher Spieler am Automaten. Die Mutter findet einen Mann, der als Markscheider bei der Wismut arbeitet, aber Uhrmacher gelernt hat. Der baut ihm eine Sonnenuhr (27), damit sich das Kriegskind an die Zeit gew\u00f6hnen kann, an die Zeit, in der die Mutter und der Mann \u2013 R\u00fcbezahl genannt &#8211; nicht gest\u00f6rt sein wollen, aber mit dem Erfassen der Zeit beginnt auch die \u201eNeue Zeit\u201c. Damit h\u00f6ren die wundersamen Spiele am Automaten ebenso wie die Kolorierungen auf; Hoffnung auf das Neue, das Farbfernsehen, tritt an ihre Stelle. &#8211; In der Erz\u00e4hlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Der Film<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (1977 geschrieben, 2016 ver\u00f6ffentlicht) wird eine Erfahrung Schirmers benutzt, dass ein Filmszenarium nicht angenommen und erst in einer phantastisch-uninteressierten Wirklichkeit zum Film wird, aufgef\u00fchrt in einem der \u201enoch nicht abgerissenen Hinterh\u00f6fe\u201c, in der Welt von gestern. Das wird m\u00f6glich, weil die am Film Beteiligten in Anstalten, unterschiedlichen allerdings, landeten. Die Erz\u00e4hlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Der Film<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> ist eine k\u00f6stliche Satire. Es geht um den \u201eHochstapler neuen Typus\u201c, analog zum \u201eMenschen neuen Typs\u201c und um eine Lebenswelt, in der Nichtigkeiten wichtig werden, vermittelt von Sprachgest\u00f6rten. Die Probleme \u201eim real existierenden Leben\u201c haben sich verfl\u00fcchtigt, die gestalterische Macht von Kunst und Literatur ist zur Belanglosigkeit verkommen. &#8211; Auch in <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Summertime<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (1990) will ein Arbeiter der Unvernunft, in diesem Fall der Sommerzeit, dadurch begegnen, dass er sie nicht annimmt: Er will \u201eeinfach nicht\u201c. Aber als dann die Winterzeit kommt, widersetzt er sich erneut, alle Auseinandersetzungen beginnen von vorn, er vereinsamt, ist aber mit seinem sinnlosen Handeln ein \u201egl\u00fccklicher Mensch\u201c. Auch diese Erz\u00e4hlung, in der einer seine Freiheit lebt, wird zur Satire: Bernd Schirmer paraphrasiert Camus\u2018 Sisyphos \u2013das auch in <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Silberblick<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> -, den man sich als einen \u201egl\u00fccklichen Menschen\u201c vorstellen soll, indem er die Welt so annimmt wie sie ist. Auch die anderen Erz\u00e4hlungen bedienen sich m\u00e4rchenhafter Elemente, sind teils heiter und l\u00f6sen teils Betroffenheit, auch Schmerzen aus. War in den Erz\u00e4hlungen noch die Erwartung, der t\u00e4tige Mensch k\u00f6nne ver\u00e4ndern, so zieht der Roman das Fazit, es ist alles trostlos. Aber dabei will es Bernd Schirmer nicht belassen; deshalb ruft er seine fr\u00fcheren Erz\u00e4hlungen auf: Die sch\u00f6nste Erz\u00e4hlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Das Tandem<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">, auch verfilmt, endet mit den auf den Tandem Fahrenden, unentwegt, auch \u201ebergauf \u2026. und wenn sie nicht abgestiegen sind, so fahren sie noch heute\u201c. Das korrespondiert mit dem Ende der Erz\u00e4hlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Couscous<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">, wo sich Denker aus der arabischen Welt, darunter Marxisten, beim Erz\u00e4hler einfinden, auch in Zukunft: \u201eIch will es hoffen.\u201c Immer bleibt ein wenig Hoffnung und sie liegt bei dem Handeln der Menschen, die ihr Leben auf das T\u00e4tigsein f\u00fcr andere richten. \u201eUngew\u00f6hnlich\u201c nennt Christel Berger in ihrem Nachwort Schirmers Einf\u00e4lle. Heinrich Heine und Erich K\u00e4stner haben dabei geholfen. Der Band schlie\u00dft mit der m\u00e4rchen\u00e4hnlichen Erz\u00e4hlung <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Der Holzwurm und der K\u00f6nig<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (1985); das schien einst eine gewagte Vorwegnahme dessen, was 1989 geschah. Heute liest sie sich sehr aktuell.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">R\u00fcdiger Bernhardt<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Bernd Schirmer: Das leise Ticken der Sonnenuhr. Geschichten aus verflossener Zeit. Gransee: Edition Schwarzdruck 2019, 116 S., 14,- \u20ac<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu diesem wunderbaren Buch sind zu vermelden und werden den Absatz ins Unermessliche steigern. 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