{"id":4491,"date":"2019-03-19T01:42:49","date_gmt":"2019-03-18T23:42:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=4491"},"modified":"2019-03-19T01:42:49","modified_gmt":"2019-03-18T23:42:49","slug":"in-memoriam-axel-bertram","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.edition-schwarzdruck.de\/?p=4491","title":{"rendered":"In Memoriam Axel Bertram"},"content":{"rendered":"<p>Axel Bertram ist gestorben. Er war einer der wirklich Gro\u00dfen im &#8222;Grafikdesign&#8220;, wie Gebrauchsgrafik heutzutage gern genannt wird. Und wenn er nicht in der DDR gelebt und gewirkt h\u00e4tte, w\u00e4re er mit Sicherheit einer der internationalen Stars dieser Szene gewesen.<br \/>\nEr war als Grafiker f\u00fcr &#8222;Dinge zum Gebrauchen&#8220; unheimlich vielseitig: neben B\u00fcchern, Zeitschriften und praktisch allen anderen &#8222;klassischen&#8220; typografischen Arbeiten entwarf er unter anderem auch M\u00fcnzen, Bildschirmschriften, Briefmarken &#8230; Dabei hat er sehr darauf geachtet, dass immer die Sache und nie der Grafiker im Vordergrund stand. Das ist eine mittlerweile fast ausgestorbene Qualit\u00e4t, die man sich im Kapitalismus kaum noch leisten kann.<br \/>\nUnd &#8211; was gern vergessen wird: er war ein begnadeter Lehrer. Es gab und gibt wohl kaum einen anderen Designprofessor, der so beliebt bei Studenten war wie er. Weil er sein profundes Wissen nicht nur weitergab, sondern dies auf unglaublich unterhaltsame Weise tat. Seine Vorlesungen waren immer \u00fcberf\u00fcllt &#8211; auch von Studenten ganz anderer Fachrichtungen. Ich kenne keinen, der bei ihm studiert hat und nicht von ihm schw\u00e4rmte. Umso trauriger, da\u00df man Axel Bertram kurz nach der Wende auf ziemlich unsch\u00f6ne Art aus der Hochschule in Wei\u00dfensee entfernte. Seine Nachfolger haben \u00fcbrigens nie die Qualit\u00e4t von Axel Bertram auch nur ann\u00e4hernd erreicht.<\/p>\n<p>Der Mann wu\u00dfte einfach alles \u00fcber Schrift und Schriftgeschichte. Ganz sicher hat das etwas damit zu tun, da\u00df er ein Meister des Schriftschreibens war. Er kannte somit Schrift &#8222;von innen&#8220;, vom &#8222;Machen mit der Hand&#8220;. Der sicher intensivste und intimste Umgang mit Schrift. Ganze B\u00fccher hat er von Hand geschrieben. Die dann sogar in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig riesigen Auflagen gedruckt wurden. Das gab es h\u00f6chstwahrscheinlich nur in der DDR.<br \/>\nSeine Art des Schriftschreibens war eine ganz andere als die viel mehr popularisierte Kalligrafie, die an der Leipziger Hochschule gepflegt wurde. Bertram respektierte und benutzte traditionelle Schriftformen und erlag nie einer Versuchung in wilde Unleserlichkeit zu verfallen, um grafische Effekte zu erhaschen. Somit war er quasi als Einmannunternehmen der Gegenentwurf einer ganzen Schule und verbreiterte allein damit schon die grafische Qualit\u00e4t in dem kleinen Land ganz erheblich.<\/p>\n<p>Ich lernte Axel Bertram pers\u00f6nlich nur fl\u00fcchtig und viel zu sp\u00e4t kennen, als ich versuchte, seine Computerschrift &#8222;Lucinde&#8220; zu kaufen. Die hatte ich in einem Buch, welches er gestaltet hatte, gesehen und die hat mir sehr imponiert. Leider &#8211; oder gl\u00fccklicherweise &#8211; gab es diese Schrift bei keinem H\u00e4ndler. Also versuchte ich es direkt bei Herrn Bertram. Daraus entspann sich ein alle paar Monate wiederholtes Ritual: ich rief ihn an oder schrieb einen Brief und bekam jedesmal die Auskunft, da\u00df er mir durchaus gern die Schrift lizensieren w\u00fcrde, diese aber &#8211; leider, leider, leider &#8211; noch nicht fertig w\u00e4re. Was ich gesehen h\u00e4tte, w\u00e4re noch immer in der \u00dcberarbeitung. Das ging, wenn ich mich richtig entsinne, ein paar Jahre lang. Bis er dann eines Tages sagte: Die Schrift ist fertig. Aber ich m\u00fcsse sie bei Linotype lizensieren, weil die mittlerweile den Vertrieb \u00fcbernommen hatten. Und tats\u00e4chlich bekam ich dort dann die &#8222;Lucinde&#8220;. Was allerdings auch nicht einfach war: sie war nur ganz kurz im Linotypekatalog. Als ich das Geld zusammen hatte (die Schrift war f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse nicht gerade billig), war die &#8222;Lucinde&#8220; schon wieder aus dem Katalog verschwunden. Gl\u00fccklicherweise gab es damals einen sehr netten Menschen bei Linotype, der mir am Telefon verriet, da\u00df &#8222;Lucinde&#8220; aufgrund eines &#8222;rechtlichen Problems mit dem Schriftnamen&#8220; wieder aus dem Verkauf zur\u00fcckgezogen worden war. In h\u00f6chster Angst, diese Schrift nun nie mehr zu bekommen, konnte ich mit meiner Schilderung der jahrelangen Versuche diesen Linotypemitarbeiter zu einer Ausnahme bewegen und habe die &#8222;Lucinde&#8220; seitdem ganz ordnungsgem\u00e4\u00df lizensiert. Die dann \u00fcbrigens Monate sp\u00e4ter doch noch unter dem Namen &#8222;Rabenau&#8220; auf den Markt kam. Und recht h\u00e4ufig von mir benutzt wird.<\/p>\n<p>Meine Verbundenheit und Hochachtung vor Axel Bertram entstand aber schon lange vor dieser Geschichte und auch schon lange vor der Lekt\u00fcre seiner gro\u00dfartigen Fachb\u00fccher (beispielsweise dem &#8222;Wohltemperierten Alphabet&#8220;). Ich war n\u00e4mlich eine (pr\u00e4gende) Zeitlang Sch\u00fcler einer Bertram-Sch\u00fclerin. Hanka Polkehn hatte es damals, in den 80er Jahren, tats\u00e4chlich geschafft, mir in eigentlich total unbeliebten, aber jahrelangen Abendkursen eine gewisse Begeisterung f\u00fcrs Schriftschreiben zu vermitteln. Und eine gewisse Begeisterung f\u00fcr ihren Lehrer, von dem sie offensichtlich vieles gelernt hatte. Wof\u00fcr ich heute noch sehr dankbar bin. Danke, Axel Bertram!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Axel Bertram ist gestorben. Er war einer der wirklich Gro\u00dfen im &#8222;Grafikdesign&#8220;, wie Gebrauchsgrafik heutzutage gern genannt wird. Und wenn er nicht in der DDR gelebt und gewirkt h\u00e4tte, w\u00e4re er mit Sicherheit einer der internationalen Stars dieser Szene gewesen. 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